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Elsässische Diemer
  
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Elsässische Diemer
Der Nachname Diemer im französischen département du Bas-Rhin



Am Sonntag, dem 30. Oktober 2011, zwei Tage vor Allerheiligen, fuhr ich wieder mal in die nördlichste Ecke des Elsass, genauer gesagt: am Festungsstädtchen Bitche vorbei, nach Oberbronn, in den Herkunftsort jenes (Johann) Theobald Diemer, welcher 1712 über die deutsche Grenze ins pfälzische Hochspeyer zog, um die Anna Katharina Maurer zu heiraten (siehe Beitrag über die Pfälzer Diemer). Die Gräber des Oberbronner Friedhofs waren bereits geschmückt und Tausende Blumen leuchteten in den schönsten Farben in der Spätherbst-Sonne. Zwischen den Gräbern wandelten einzelne Besucher, die an solchen Tagen die Grabstätten verstorbener Verwandter aufsuchen und dafür nicht unbedingt warten, bis ein Pfarrer an einem der darauf folgenden Tage die Segnung des Friedhofs vornimmt. Ohnehin ist im mehrheitlich evangelischen Elsass Allerheiligen ja kein Feiertag.

Mein Doppelgänger Daniel aus Oberbronn
Systematisch durchstreifte ich die Gräberreihen und las im Vorbeigehen die Familiennamen auf den Grabsteinen. Vielleicht würde ich auf ein Diemer-Grab stoßen, vielleicht würden ja immer noch Verwandte von Theobald Diemer in Oberbronn wohnen. Plötzlich ruft jemand hinter mir: „Daniel, Daniel, attends!“ – Ein mir unbekannter Herr will offenbar mit mir reden. Er kommt auf mich zu, streckt mir die Hand entgegen und ist hocherfreut, mich „wiederzusehen“. Für wen hält er mich bloß? – Ich erkläre, es müsse sich um ein Versehen handeln, ich würde keineswegs Daniel heißen und ihn leider auch nicht kennen.
Mein Gegenüber mag es nicht glauben. Ich beteure, ich käme aus Luxemburg und wäre auf der Suche nach Grabstätten der Diemer-Familie, falls es solche in Oberbronn noch geben sollte.
Schließlich ließ sich der Herr überzeugen, dass ich nicht derjenige war, den er erkannt zu haben glaubte; er hatte mittlerweile wohl auch an meinem luxemburgischen Akzent gemerkt, dass ich kein Einheimischer war, und setzte das Gespräch auf Deutsch fort, und am Eingang der an den Friedhof angrenzenden Pfarrkirche zeigte er mir noch eine Gedenkplatte, auf der die Namen seiner vier im letzten Krieg gefallenen Brüder verzeichnet waren: vier Söhne der Oberbronner Familie Vogel. Leider habe ich vergessen, meinen freundlichen „Bekannten“ zu fragen, wie jener Daniel, für den er mich hielt, denn mit Nachnamen heißen würde ...
Anschließend fand ich tatsächlich zwei Diemer-Gräber: eines mit einem relativ alten Grabstein und der Inschrift: „Hier ruhen in Gott unsere lieben Eltern / Philipp J. DIEMER, 1842-1917 / Magdalena BOOS, 1852-1892.“ Darunter wird auf eine Stelle im Alten Testament verwiesen: „MOSE 24.56“*. Der andere Grabstein sieht, wie die meisten heutzutage, „modern“ aus. Er wurde offenbar errichtet auf einem Grab, das einmal den Eheleuten „DANIEL TRAUTMANN, 1814-1871 / MADELEINE TRAUTMANN née TEUTSCH, 1826-1900“ gehört haben dürfte. Im selben Grab ruhen nun vier Diemer-Geschwister: „LINA DIEMER, 1895-1961 / EMILIE DIEMER, 1897-1968 / THEODORA DIEMER, 1899-1988“. Der einzige Bruder dieser drei Schwestern, „THEODORE DIEMER, 1905-1907“, wurde nur zwei Jahre alt, so dass davon auszugehen ist, dass in Oberbronn der Nachname Diemer mit dem Tode der 1988 verstorbenen Theodora Diemer erloschen ist.
Gemäß den auf der Internet-Plattform „GeneaNet“ eingegangenen Informationen, gab es das Patronym Diemer in Oberbronn seit 1679 (in Niederbronn seit 1686).
In der Region zwischen Straßburg, den nördlichen Vogesen, dem Rhein und der Grenze zu Deutschland, im heutigen département du Bas-Rhin, wird der Nachname Diemer allerdings schon wesentlich früher erwähnt. Erstmals (immer noch laut „GeneaNet“) 1512 in Ittenheim, 1515 in Reitwiller (beide Ortschaften liegen wenige Kilometer nordwestlich von Straßburg), 1557 in Pfaffenhoffen, 1588 in Niedermodern (von dort ist’s nur ein Katzensprung bis nach Oberbronn), 1605 in Dingsheim, 1644 in Straßburg ... Erst gut 130 Jahre später, 1776, tauchen die Diemer in Brumath auf, stellen dort im 19. bzw. 20. Jahrhundert, zweimal den Bürgermeister: Von 1865-1873 ist Nicolas Diemer maire der commune de Brumath, und von 1934-1938 der Mehlhändler („minotier“) Charles Diemer. Nach diesem wurde übrigens eine Straße in der ca. 10 000 Einwohner zählenden Stadt an der Zorn, einem Nebenflüsschen der Moder, benannt.

Die Diemer in Waltenheim-sur-Zorn
Zehn Kilometer flussaufwärts liegt eine weitere Ortschaft mit einem einstigen Diemer-„Vorkommen“, und zwar, Waltenheim-sur-Zorn, wo, laut einer Kontaktperson von „GeneaNet“, die genannte Familie 1785, wenige Jahre nach ihrem Auftauchen in Brumath, registriert worden ist. Die Eingangstür eines im „Inventaire général du patrimoine culturel“ beschriebenen, Anfang des 19. Jahrhunderts erbauten Hofes, trägt die Initialen J. D., jenes Jean Diemer, der auch den Brunnen vor dem Gehöft errichten ließ. In einer Kartusche auf der mittleren Säule des Brunnens steht in gotischer Schrift „Johannes Diemer maire hat diesen Brunnen Waldenheim errichten lassen im Jahr 1823“. Ein Wassertrog trägt die Jahreszahl 1865 und die Initialen von „maire G. D“. Es dürfte sich dabei um einen Sohn von Jean Diemer (1815-1862) handeln, denn die Familie stellte seinerzeit mehrere Bürgermeister in Waltenheim.
Zu den dortigen Kulturdenkmälern zählt außerdem die Pfarrkirche St.-Etienne (Stephanskirche), früher dem Heiligen Sebastian geweiht. Der Glockenturm, mit dessen Errichtung wohl im 14. Jahrhundert begonnen wurde, gilt als deren ältester Bauteil. Er wurde 1843 um ein Stockwerk erhöht und an seiner gemauerten Oberkante ist der Name Jean Diemer eingraviert.
Auch der Grabstein des Letztgenannten sowie der von Theobald Diemer befinden sich auf dem bei „Wikipedia“ zu den Sehenswürdigkeiten des Ortes zählenden Alten Friedhof, seitlich von der Kirche und dahinter.
Von Oberbronn aus fuhr ich Ende Oktober 2011 daher nach Waltenheim, um auch diese Diemer-Gräber aufzusuchen. An Ort und Stelle bot sich mir allerdings ein Bild der Verwüstung: Die Grabstelen von Jean und Theobald Diemer lagen hinter der Kirche, beschädigt, von Gras und Unkraut umwuchert und teils bereits mit Moos und Algen bewachsen. Ein weiterer, mit dem Johanniter-Kreuz versehener Grabstein, der von Anna M. Diemer, geb. Riehl, 1823-1901, stand zwar noch an seinem Platze, dahinter aber hatte man, wohl zur Verschönerung, zwei riesige blaue Abfalltonnen aufgestellt. – Merkwürdige Sehenswürdigkeiten, nicht wahr!
Zumindest steht noch das an der Außenapsis der Kirche angebrachte, an die Gefallenen der beiden Weltkriege erinnernde Denkmal, und auf der Liste derer, die 1914-1918 ihr Leben verloren, liest man auch den Namen Jacques Diemer. – Von wo ein am 10. März 1847 geborener Jean Diemer, „médaillé militaire par decret du 12 août 1938 au titre d’ Alsacien-Lorrain ancien combattant de 1870“ stammte, eventuell auch aus dem département du Bas-Rhin“ (?), ist dem Schreiber nicht bekannt. Jener Jean Diemer hatte dem „27e régiment de marche“ angehört.
Ob es den Familiennamen Diemer heute in Waltenheim noch gibt? – Ehrlich gesagt: Nach dem Besuch des Alten Friedhofs gelüstete es mich nicht mehr, danach zu fragen.
Bezüglich des Vorkommens des Nachnamens Diemer im département du Bas-Rhin, wurde allerdings im Internet-Forum „GEOPATRONYME.COM“ für den Zeitraum 1891-1915 eine Tabelle erstellt, in welcher die jeweilige Zahl der Diemer-Nachkommen (Geburten) in 41 Gemeinden des nördlichen Elsass erfasst wurde. So lag während dieser Periode Straßburg auf Rang 1, gefolgt von Niedermodern (2), Reitwiller (3), Waltenheim-sur-Zorn (7), Pfaffenhoffen (8), Oberbronn (9), Brumath (18) und auf Rang 19 Ittenheim, wo, gemäß „GeneaNet“, die ersten elsässischen Diemer gelebt haben sollen. – Einer anderen Quelle** zufolge aber wurde bereits am 19. November 1430 ein „Diemer d. ält.“ in Zusammenhang mit Lehen in Hagenau (heute Haguenau) erwähnt.
Zu klären bleibt, ob „Diemer“ in diesem Dokument noch als Vorname oder bereits als Nachname zu verstehen ist, denn Diemer d. ält. wird in demselben als „Lehensträger der Söhne des Diemer König (in einem Dokument vom 29. Juni 1439: Diemer Kunig von Hagenau – d. R.) u. Diemer Bogner“ bezeichnet.

Albert Dimmer
Email:
dial(at)pt.lu
Photos: A. D.

*) „Da sprach er zu ihnen: Haltet mich nicht auf, da der Herr doch hat meine Reise gelingen lassen; entlasst mich, dass ich zu meinem Gebieter ziehe.“
**) Zitat: XI, 2 n. 7973: Regesta Imperii Online, URI


1. Grabkreuz von Philipp J. Diemer und seiner Ehefrau Magdalena Boos in Oberbronn

2. Grabstele der A. Maria Diemer, geb. Riehl, vor zwei großen Abfalltonnen, auf dem Alten Friedhof in Waltenheim-sur-Zorn
3. Die Grabstelen von Theobald und Jean Diemer wurden, anlässlich einer teilweisen Neuanlage des Alten Friedhofs umgeworfen und beschädigt (Grabstele von Theobald Diemer: Aufnahme vom 30. 10. 2011).

4. Ein an der Außenapsis der Kirche St.-Etienne angebrachtes Denkmal erinnert an die jungen Waltenheimer, die in den beiden Weltkriegen ihr Leben ließen. Zu den von 1914-1918 Gefallenen zählt auch ein Jacques Diemer.

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